Der Zinscrash kommt

"Für zehnjährige Darlehen sind aktuell Bestkonditionen von unter einem Prozent möglich. Wir sehen derzeit keine Anzeichen für eine nachhaltige Trendwende", zitiert das Wirtschaftsmagazin "Capital" Mirjam Mohr, Vorstandschefin des Finanzdienstleisters Interhyp. Von den Notenbanken gingen derzeit keine Impulse für steigende Zinsen ausgehen. Darüber hinaus würden Anleger zu sicheren Häfen wie der zehnjährigen Bundesanleihe greifen, so Mohr.

Die Gretchenfrage: Was passiert mit der Weltwirtschaft? In den USA gibt es vermehrte Anzeichen einer Konjunkturabkühlung. Auch in China ist das Wirtschaftswachstum am sinken. Die EU und aufstrebende Volkswirtschaften wie Indien und Brasilien fehlt es an Größe, um Wachstumseinbußen der beiden größten Volkswirtschaften der Welt zu kompensieren.

Der ständige Verweis der Europäer auf die von US-Präsident Trump losgetretenen Handelskonflikte und die ungelöste Brexit-Frage kann man als Ausrede für die schwache Konjunktur inzwischen nur noch bedingt gelten lassen. Man darf nicht vergessen, dass gerade die exportabhängige deutsche Wirtschaft von den massiven US-Steuersenkungen und zahlreichen konjunturstimulierenden Maßnahmen Chinas sehr stark profitierte.

Tatsächlich ist es an der Zeit in Europa einige unbequeme Wahrheiten anzusprechen. Die von der Europäischen Zentralbank (EZB) betriebene ultralockere Geldpolitik könne den Reformdruck von der Politik nehmen, schreibt der renommierte Anleihen-Experte Mohamed El-Erian in einem Gastbeitrag für den Finanzdienst "Bloomberg". Dass eine zu lockerer Geldpolitik, durchgeführt vor allem durch den Ankauf von Staatsanleihen, am Ende dazu führt, dass wichtige Reformen zu Steigerung der Produktivität und Senkung der Arbeitslosigkeit in Ländern wie Italien nicht gemacht werden, bestreitet die EZB.

"Macht es Ihre Politik des billigen Geldes Euro-Staaten wie Italien oder Frankreich nicht viel zu leicht, sich um unpopuläre Reformen zu drücken", fragte die Bild-Zeitung EZB-Chef Draghi im April 2016: Die Antwort des Italieners: "Nein." Inzwischen sind mehr als drei Jahre vergangen. Die EZB hat für 2,5 Billionen Euro Staatsanleihen gekauft. Reformen wurden in dieser Zeit nicht gemacht - auch in Deutschland nicht. Noch nicht einmal so etwas wie eine stark abgespeckte Agenda 2010 haben die Politiker als notwendig erachtet.

Und so ist Arbeitslosigkeit im Süden der Eurozone immer noch recht hoch. Die G7-Mitglieder Frankreich und Italien haben im Vergleich zum Rest der Gruppe ziemlich viel Arbeitslosigkeit. Solange die Konjunktur weltweit schwächelt und die Märkte schwer einschätzbar sind, würden Anleger weiterhin zu sicheren Anlagen wie den zehnjährigen Bundesanleihen greifen, analysiert die Interhyp-Chefin Mohr. Der Bundesanleihe-Zins liegt aktuell bei -0,30% bei einen mittleren zehnjährigen Bauzins von 0,90%. Vor einem Jahr rentierte die Bundesanleihe bei 0,30%, der Bauzins war bei 1,50%. Für fünf Jahren: 1,20% (Bundesanleihe) und 2% (10-jähriger Bauzins).

Anstatt darüber zu spekulieren, ab wann die Zinsen wieder steigen, ist es sinnvoller den Blickwinkel zu ändern. In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Fragen: Wird die EZB die Geldschleusen noch weiter aufreißen? Wird sich die Weltwirtschaft ausgehend von den USA nach einem Jahrzehnt der Expansion abkühlen? Die Antworten auf beide Fragen ist: "Ja". Eine Wende hin zu höheren Zinsen ist daher nicht absehbar.